Hallig Süderoog: Naturidyll und damaliges Ferienkinderparadies

Süderoog erstes 1024Die kleine Hallig Süderoog im nordfriesischen Wattenmeer ist ein wunderbares Fleckchen Natur und besonders auch wegen ihrer Geschichte als Ort internationaler Jugendferienlager zur Völkerverständigung interessant. In den 1960er Jahren durfte ich drei Sommerferien auf Süderoog verbringen. Ein wenig davon möchte ich auf dieser Seite erlebbar machen.

Man kann Süderoog heute mit dem Ausflugsboot erreichen ( https://www.faehre-pellworm.de/ausflugsfahrten/ausflugstermine.html ), doch die urigste Annäherung an das winzige Eiland stellt eine Wattwanderung mit dem Halligpostboten Knud Knudsen von der Insel Pellworm aus dar.

Wattwanderung 1024

Wer mit dem Postboten nach Süderoog wandert, muss zunächst durch beintiefe Priele waten, denn Knudsen bricht ca. zwei Stunden vor Niedrigwasser von Pellworm auf, damit die sechseinhalb Kilometer Hinweg, der einstündige Aufenthalt und der ebenso lange Rückweg mit etwas Zeitpuffer in einer Tide zu schaffen sind. Der Pellwormer Veranstaltungskalender ( http://www.pellworm.de/pellworm-erleben/veranstaltungen/veranstaltungskalender.html ) informiert über die Termine.

Nach sechseinhalb Kilometern Watt hat man schließlich Halligboden unter den Füßen und nähert sich der Warft von Süden.

Warft näher 1024

Die beiden Halligbewohner Nele Wree und Holger Spreer empfangen die Wattwanderer mit Suppe, Kaffee, Kuchen und spannenden Schilderungen des Halliglebens. Zu ihren Aufgaben gehören traditionell der Küstenschutz und insbesondere der Naturschutz im Nationalpark Wattenmeer. Darüber hinaus setzen sie als anerkannter Arche-Hof neue Akzente auf der Hallig, indem sie die Erhaltung alter Nutztierrassen zu ihrem besonderen Anliegen machen.

Sogar heiraten kann man auf Süderoog. Der mit Delfter Kacheln ausgestattete „Pesel“, die traditionelle gute Stube eines Hallighauses dient als Trauzimmer. Über alle Aktivitäten und Angebote der Süderooger informiert ihre Website: http://www.halligsuederoog.de

Blick über die Hallig und den Norderpriel zurück nach Pellworm

Pellwormblick 1024

Vor 50 Jahren erlebte ich auf Süderoog eine herrliche Zeit voller Naturerlebnisse und Abenteuer. Der einstige Halligbesitzer Hermann Neuton Paulsen hatte hier – von Kriegsgräueln schockiert – internationale Jugendlager zur Völkerverständigung gegründet.

Hermann und Gunvor Paulsens Jugendarbeit

Die Hallig Süderoog war schon über Jahrhunderte  im Besitz der Familie Paulsen gewesen. Hermann Neuton Paulsen, 1898 geboren, erhielt mit seinen beiden Geschwistern auf der einsamen Hallig schulischen Hausunterricht. Man erkannte bald seine besondere Begabung, und so kam er schließlich auf ein Gymnasium in Husum. Hier schloss er sich den „Wandervögeln“ an und gründete später in Friedrichstadt selber eine solche Gruppe. Die „Wandervögel“ waren eine Jugendbewegung, die sich von Nationalismus und Militarismus absetzte und friedliche Ziele verfolgte, wobei musische und in die freie Natur führende Aktivitäten im Mittelpunkt standen. Man hielt auch später Kontakt, und so ergab sich für den offenbar mit einem sehr gewinnenden Wesen ausgestatteten Hermann Paulsen schon früh eine weit gespannte soziale Vernetzung. Der erste Weltkrieg brach aus, und als 17jähriger ging er zum Militär. Die unvorstellbaren Gräuel und die völlige Sinnlosigkeit dieses Krieges verstörten ihn zutiefst.

Paulsen entwickelte die Vision, dass Jugendliche verschiedener Nationen in natürlicher Umgebung Zeit miteinander verbringen sollten; denn dann würden sie als Erwachsene nicht auf die Idee kommen oder sich verführen lassen, aufeinander zu schießen. Er absolvierte nach dem Krieg keine formelle Ausbildung, sondern arbeitete als Jugendbetreuer in verschiedensten Einrichtungen mehrerer Länder, von der Schweiz bis nach Schweden, wo er seine spätere Frau Gunvor kennenlernte. Außerdem reiste er durch die Lande und hielt Lichtbildervorträge mit Fotos der Hallig, um seine Idee zu propagieren. Schließlich war er in Europa bestens vernetzt, so dass pädagogische Institutionen Kindergruppen in seine Ferienlager schickten. Diese begannen 1924 in einem alten Werkstattschuppen auf Hallig Hooge, woher Paulsens früh verstorbene Mutter Nicoline von Holdt stammte. Nach dem Ableben seines Vaters und der Auszahlung seiner Geschwister konnte Paulsen die Jugendferienlager ab 1927 auf Süderoog veranstalten. Da er nicht nur Kinder aus verschiedenen Ländern, sondern auch aus allen Schichten der Bevölkerung zusammenbringen wollte, war es ihm wichtig, dass es immer auch Freiplätze für Kinder aus bedürftigen Familien gab. Der Wirtschaftstrakt des alten, vierseitigen Halligbauernhofes wurde so umgenutzt, dass im Nordflügel ein großer Speise- und Aufenthaltsraum und im darüber liegenden Heuboden ein Schlafsaal entstand. 1930 konnte ein zusätzliches Haus im Norden der Warft errichtet werden. So konnten bis zu 200 Kinder und Jugendliche gleichzeitig beherbergt werden.

Am Ulpiano-Portal 1024

Zu Beginn der Nazizeit stand Paulsen vor der Frage, ob er alles aufgeben oder sich mit den neuen Machthabern arrangieren sollte. Er entschied sich für Letzteres und handelte einen Kompromiss aus. Danach wurde die Hallig hauptsächlich von der Kinderlandverschickung der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt belegt. Zwar war es mit dem Gedanken der Völkerverständigung erst einmal vorbei, und ausländische Gäste kamen nicht mehr, aber immerhin fanden wohl keine paramilitärischen Übungen etc. statt, sondern die Hallignatur stand den Kindern zu Erholungszwecken offen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ging es dann in dem ursprünglichen Geist und nach Paulsens Motto „Vorwärts mit frischer Brise“ weiter.

Floß 1024

„Wäre doch gelacht! Thor Heyerdahl hat es doch auch mit einem Floß nach Südamerika geschafft!“

Nach Paulsens frühem Tod (1951)  wurde die Jugendarbeit von seiner Frau Gunvor (geb. Gustavsson) fortgesetzt. Ich selbst erlebte die Hallig-Ferienlager 1963-65. Mädchen und Jungen, hauptsächlich aus Schweden und Deutschland, tummelten sich auf der Hallig (die überlieferte Bezeichnung „Hallig der Jungs“ trifft also für diese spätere, koedukative Phase der Jugendarbeit nicht mehr zu). Betreut wurden wir von schwedischen, deutschen und schweizerischen Pädagogen und Studenten, von denen ich namentlich Karen und Vike aus Schweden sowie Ruth Bangerter und ihren Mann aus der Schweiz als besonders liebenswürdige Menschen in Erinnerung behielt.

Damals reisten wir nach Süderoog an, indem wir bei einer Hallig-Rundfahrt von Husum aus am Rand des Heverstroms ausgebootet wurden und dann ca. zwei Kilometer durchs Watt zur Hallig liefen (das Gepäck wurde mit dem Pferdewagen transportiert). Oder es ging es von Pellworm aus zu Fuß durchs Watt, wobei ebenfalls das Gepäck per Wagen hinüber gebracht wurde.

Auf dem Wagen steht Herr Hinz, Verwalter der Hallig ab 1965. Er war ein alter Weggefährte Paulsens und schon in früheren Jahrzehnten vielfach auf der Hallig tätig gewesen.

Wagen 1024

Mehrmals erlebte ich „Land unter“, wenn Springfluten das Land überschwemmten und nur die Warft aus dem Wasser ragte, an deren Hang sich dann auch das Vieh drängte. Wenn nachts der Sturm an den Fenstern rüttelte und das Dachgebälk ächzte, gruselte uns vor „Ekke-Nekke-Penn“, dem Wattenmeergeist.

Ja, „Ekke-Nekke-Penn-Ecke“, so hieß auch unser Schlafraum unter dem reetgedeckten Dach des Hallighauses. Über den Heuboden erreichten wir den Speicher des Halligwohnhauses, und dort besorgten wir uns uralte Klamotten, mit denen sich einer von uns verkleidete. Das Netz eines alten Fischkeschers hing unter dem großen Hut hervor und verdeckte das Gesicht. So empfingen wir die verblüfften „Strandkühe“ – so wurden die Wattwanderer genannt – auf der Warft und erklärten ihnen, dass sie hier dem „Original-Ekke-Nekke-Penn“ gegenüberstünden. Ein Riesenspaß, den viele „Strandkühe“ mit einer kleinen Spende honorierten.

Peter Buchwald leitete das Jugendlager von 1960 bis 1964, auch er ein „alter Süderooger“, der  schon als Kind auf der Hallig war und sich danach vielfach mit einbrachte. Auf dem folgenden Bild sieht man ihn bei Aufräumarbeiten nach der 1962er Flut, als die Wand des Kontors eingedrückt worden war und das Dachgeschoss abgestützt werden musste. Beeindruckend ist, welche Schäden eine Sturmflut an den Gebäuden anrichten kann, wie gefährlich es für die Menschen wird, selbst wenn sie sich in die oberen Stockwerke zurückziehen, und wie sinnvoll die Errichtung der Schutzräume auf den Halligen war.

Buchwald 62 1024

Mit Peter Buchwald wanderten wir mehrmals durch das Watt zum Leuchtfeuer (der „Bake“) auf der vorgelagerten Sandbank Süderoogsand, zum letzten menschlichen Außenposten vor der offenen See. Der sichere Wattwanderweg dorthin war damals, genau in die Mitte zwischen dem Turm der alten Kirche auf Pellworm und der Süderoogsand-Bake ins Watt hinaus zu laufen, und zwar solange, bis man sich auf einer Linie mit Kirche und Bake befand. Dann ging es im rechten Winkel nach Südwest, und man lief direkt auf die Bake zu. Wenn ich mir auf Satellitenbildern die Lage der Sände ansehe, könnte es noch heute so sein. Allerdings darf Süderoogsand aus Naturschutzgründen nicht mehr betreten werden. So bleibt heute nur der Blick aus der Ferne.

Bake 1024

Herr Buchwald hatte das Amt des Strandvogts inne, und als solcher musste er auch das Leuchtfeuer in Schuss halten. Regelmäßig wurde der Gasstrumpf am Leuchtfeuer ausgewechselt (die Gasflaschen wurden jährlich per Schiff angeliefert). In der „Laterne“, dem Raum für das Leuchtfeuer und die Optik an der Turmspitze, befand sich ein Bullauge Richtung Süderoog, damit von der Hallig mit dem Fernglas kontrolliert werden konnte, ob die Gasflamme brannte. Wir schüttelten die Strohsackmatratzen im Rettungsraum für Schiffbrüchige auf und sahen nach den Notvorräten. Wie herrlich schmeckten dann nach getaner Arbeit unsere Butterbrote, die wir als Stärkung für den Rückweg ganz oben, an die Wand der Laterne gelehnt, verzehrten, mit Blick auf das unendliche Meer!

In der Nähe der Süderoogsand-Bake ragten die Stahlwände eines Wracks einige Zentimeter aus dem Sand, und wir malten uns aus, es auszubuddeln und Schätze zu finden. Die Sandbank verlagert sich langsam nach Osten, und zur Jahreswende 2013 wurden dann einige Wracks freigespült ( http://www.kn-online.de/Schleswig-Holst … freigelegt ). Unter ihnen ist auch das Wrack der „Ulpiano“, die am Heiligabend 1870 strandete, und deren Heckbild über dem Portal des Hallighauses prangt. Der Eigner der Ulpiano vermachte es dem Halligbesitzer aus Dankbarkeit für die Rettung der Besatzung. Das Strandungsprotokoll von Süderoog und Süderoogsand sowie vieles andere Interessante findet sich im Museum am Pellwormer Hafen.

Ulpiano 1024

Peter Buchwald hatte 1958 ein Büchlein über das Leuchtfeuer auf dem Süderoogsand veröffentlicht und auch zu Publikationen über die Süderooger Erlebnispädagogik beigetragen. Er besaß ein kleines Motorboot mit Innenborder namens „Nicoline“, das meist im Norderpriel vertäut lag. Wir gingen gelegentlich hin, nahmen das Verdeck ab und lenzten mit der Handpumpe. Manchmal tuckerte er mit einigen Kindern um die Hallig.

Ein großer Spaß war auch die Heuernte. Wenn das gemähte Gras trocken war, wurde hinter einem Pferd quer ein Holzbalken über die Wiese gezogen. Hinter dem Balken staute sich dann das Heu. Wir durften und sollten als Beschwerung auf dem Balken sitzen. Wenn der Heuberg groß genug war, wurde er jeweils in eine riesige Decke eingeschlagen, und weiter ging es. Die Reste sammelten wir mit einem extra breiten Rechen ein, den wir „Ferrari“ nannten. Am Ende wurden die Ballen dann auf einen Leiterwagen geladen, auf die Warft gefahren und direkt auf den Heuboden im Nordflügel des Vierseithofs verfrachtet.

Heuernte 1024

Besonders nach Springfluten sammelten wir angespültes Holz als Brennmaterial, fanden Tintenfisch-Schulpe und anderes interessantes Treibgut. Plastikmüll gab es noch selten.

Von der sehr warmherzigen Frau Hinz, die mit ihrem Mann Klaus von 1965 bis 1976 die Hallig bewirtschaftete, lernte ich das Buttern. Sie war froh, dass ihr jemand die eintönige Arbeit an der Milchzentrifuge und am Butterfass abnahm, und mir machte es Spaß. Obendrein bekam ich eine süße Belohnung, auch wenn ich den Lichthof fegte, damit kein Schmutz in die Regenwasser-Zisterne geriet. Es gab ja keine Trinkwasserleitung, von Strom ganz zu schweigen. Mit einer Motorpumpe wurde das Trinkwasser aus der Zisterne hoch gepumpt und u.a. in große Fässer im Waschraum geleitet. Daraus schöpften wir dann mit unseren Schüsseln, um uns waschen zu können. Es war eiskalt, brrr.

Riesige Scharen von Seevögeln brüteten auf Süderoog, und bei unseren Streifzügen attackierten sie uns aus Sorge um ihre Gelege mit Sturzflügen, so dass wir stets einen Stock mitführten, der einen halben Meter über unsere Köpfe hinaus ragte. Wir hatten ein Vogelbestimmungsbuch und lernten viel Naturkundliches, auch an der offenen Abbruchkante im Nordosten und am Steindamm, wo uns die Krabben aus ihren Verstecken anzischten. Die Abgangsstelle zum Süderoogsand, wo eine Wagenrampe den Steindamm hinunterführt, war bei Flut unsere Badestelle. Die heutige Hafenmole gab es noch nicht, nur einen einfachen Anleger, an dem ab und zu eine Schute vom Küstenschutz lag. Darin hauste zeitweilig ein missmutiger Kerl, der seinen Bollerofen zum Glühen brachte, um nicht zu frieren. Die Ofenringe bogen sich durch, so dass er sie immer wieder umdrehen musste, sonst wären sie ins Feuer geplumpst. Wir Kinder besuchten ihn gerne, aber seine Laune besserte das nicht. Wir fanden es trotzdem urig und gemütlich in der Kajüte der Schute. Zeitweilig waren ein paar hundert Meter Feldbahngleise entlang des Steindamms verlegt, auf denen die Küstenschützer ihr Material transportierten. Manchmal durften wir auf der Diesellok mitfahren.

Ein großes Ereignis war auch immer, wenn wir zum Schollenfang ausrückten. Das Ende eines  Priels im Watt wurde mit einem Netz abgesperrt, und dann wateten wir in einer Kette darauf zu, um die Plattfische ins Netz zu treiben. Leider fingen wir nie etwas, wahrscheinlich, weil das Getöse im Vorfeld die Fische bereits verjagt hatte. Erfolgreicher verlief da die „Hallig-Olympiade“, die wir spontan veranstalteten, nachdem wir auf dem Dachboden ein altes Siegertreppchen gefunden hatten. Und sehr lustig ging es immer am „bunten Abend“ zu, den unser Freund Ali regelmäßig veranstaltete. An anderen Abenden wurde viel geklampft und gesungen. Da es keinen Strom und daher außer ein paar Petroleumfunzeln und unseren Taschenlampen (mit deren Batteriekapazitäten wir sehr haushalten mussten) kein künstliches Licht gab, empfand ich die Dämmerung und die Mondphasen sehr eindrücklich. Die Einbindung in die Natur und die Elemente wurde so noch intensiver.

Im Fething-Garten mit dem „Terra-Haus“

Terrahaus 1024

Wir waren schlicht und einfach glücklich auf der Hallig. Wie sehr freute ich mich damals über das Paar schwedischer Clogs, die mir ein Junge aus Stockholm schenkte! Natürlich gab es Kämpfchen zum Kräftemessen untereinander, doch die waren schnell wieder vergessen. Nie im Leben hätte ich eine Feindschaft zu Schweden entwickeln können. Im Gegenteil, eine tiefe Liebe zu den skandinavischen Ländern entstand, in die ich bis heute immer wieder leidenschaftlich gern reise.

Heute denke ich, dass Hermann Neuton Paulsen intuitiv etwas in die Welt setzte, das dann später mit den wissenschaftlichen Methoden der Sozialpsychologie in seiner ganzen Tragweite belegt wurde. So bewies M. Sherif mit seinen Ferienlager-Experimenten der 1950er Jahre, dass Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen und Ressentiments durch Bewältigung gemeinsamer Aufgaben wieder verschwinden. Und H. Tajfel und J. Turner erklärten in den 1980er Jahren mit ihrer Theorie der sozialen Identität, warum solche Animositäten zwischen Gruppen scheinbar wie von selbst entstehen. Immer sind wir in Gefahr, dass diese Kräfte aufbrechen und eskalieren. Und immer gilt es, aufzupassen und das Verbindende zu pflegen.

Eine Gedenkstätte in Form einer kleinen Fotoausstellung in der Deele des Hallighauses und ein Ausstellungsraum unterm Dach erinnern an Hermann und Gunvor Paulsens Jugendarbeit. Die Pellwormer Schule trägt seinen Namen, und sein Grabstein an der Südseite der alten Kirche auf Pellworm ist noch erhalten. Sein pädagogisches Werk segelt unter der Flagge „frühe Erlebnispädagogik“ in Form einiger Publikationen weiter. Unter ihnen ist das wunderbare Buch „Mit Herz und frischer Brise“ von Brar Volkert Riewerts, eine gründliche Dokumentation der Süderooger Historie, aus der ich einige Hintergrundinformationen und Fotodokumente zitiere. Riewerts arbeitete in den dreißiger Jahren als Pädagoge auf Süderoog mit und war später Rektor sowie Stadtarchivar in Husum. Durch wörtlich wiedergegebene Texte belegt Riewerts auch eindrucksvoll den wunderbaren Sprachstil Paulsens, mit dessen Hilfe er seine Vision in ganz Europa bekannt machen konnte.

Paulsen 600

Gunvor Paulsen führte das Werk nach Hermann Neutons Tod im Jahr 1951 von Schweden aus in Form einer Stiftung bis 1966 fort. Gunvor hatte eine bedeutende Stelle in der schwedischen Jugendwohlfahrt inne, die sie nicht aufgab, und kümmerte sich um Jugendarbeit in ganz Schweden. Sie hatte schon beim Aufbau des Süderoog-Projekts in den zwanziger Jahren, beim Fundraising und bei der Entsendung schwedischer Kinder sehr viel geholfen.

Gunvor 1024

Eine ganz prima Gruppenaktivität junger Leute spielt sich heutzutage ca. 8 km Luftlinie entfernt ab: Einer Fata Morgana gleich ist dort die warftlose Hallig Norderoog zu sehen. Wer genau hinschaut, kann neben den Pfahlbauten schemenhaft die weißen Zelte des Camps für junge Küstenschutz-Freiwillige erkennen, das der Verein „Jordsand“ alljährlich veranstaltet. Im Gegensatz zu Süderoog, das zu etwa zwei Dritteln mit einem Steindamm geschützt ist, wird Norderoog allein durch den unermüdlichen Bau von Lahnungen in seiner Substanz erhalten.

Norderoog 1024

Zwar ist sie die Nachbarhallig, doch könnte man sie zu Fuß von Süderoog durch das Watt nicht erreichen, weil das tiefe „Rummelloch“ dazwischen liegt. Wenn dort mal nicht „Ekke-Nekke-Penn“ sein Unwesen treibt!

Der witzige Beginn meiner 1964er Heimreise von Süderoog ist mir in besonderer Erinnerung. Im Morgengrauen, bei Niedrigwasser, fuhr mich ein Helfer – ich glaube er hieß Max – im Einspänner nach Pellworm hinüber. Er war bestens gelaunt und sang aus vollem Hals: „Shake hands, shake hands, dein Herz liebt einen anderen, shake hands, shake hands, auf Wiedersehn, good bye“, damals ein populärer Schmachtlappen. Das nachtkühle Watt ließ sich von den ersten Sonnenstrahlen berühren, Max trällerte und pfiff ausgelassen seine Schlager, und das Pferd vor uns pupste beinah ununterbrochen. Unvergesslich!

Die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre durfte ich bei der Familie von Heini Mextorf verbringen, der damals den gesamten Gästeverkehr auf Pellworm mit seinem VW-Bulli bewältigte. Autos kamen noch wenige nach Pellworm, wie das Foto des damaligen Fährschiffs zeigt. Gerade mal zwei Pkw konnten bei einer Überfahrt befördert werden. Man musste mit der Tide fahren, denn den Tiefwasseranleger gab es damals noch nicht.

Pell Fähre 1024

Besonders beeindruckend war auf Pellworm ein Wrackteil, der Achtersteven des verunglückten Wikingerschiff-Nachbaus „Ormen Friske“.

Orm Frisk 640

Fünfzehn schwedische Sportler wollten damit im Sommer 1950 von Stockholm nach Rotterdam und Paris fahren. Doch sie alle verloren auf tragische Weise ihr Leben, da das als Schaustück für eine Ausstellung gebaute Schiff nicht die erforderliche Stabilität für höheren Seegang besaß, sondern im Gegenteil gravierende Baumängel aufwies und bei einem Sturm in der Nordsee auseinanderbrach ( http://www.neuroscience-of-music.se/ormen/OrmenFriskeGer.htm ). Ein beteiligter Bootsbauer hatte das Schiff damals als „Theaterkulisse“ bezeichnet und eindringlich davor gewarnt, damit aufs offene Meer hinauszufahren.

Der Pellwormer Wattführer und Rungholt-Forscher Helmut Bahnsen erzählte mir in seinem kleinen Museum voller archäologischer Funde aus dem Watt, dass der Steven der „Ormen Friske“ allmählich verfiel, bis die Rosette als letzter Rest schließlich in das Schifffahrtsmuseum Husum gebracht wurde. Am „Seeräuberturm“ der alten Kirche von Pellworm erinnert noch heute ein Gedenkstein an die Tragödie.

alte Kirche 1024

Viel zu schnell war unsere Zeit auf Pellworm und Süderoog vorbei. Zum Trost spendierte uns der Himmel einen opulenten Sonnenuntergang zum Abschied.

Sunset Pellworm 1024

             

Entwicklung der Bebauung auf der Süderooger Warft

Tja, als ich Süderoog nach 50 Jahren wiedersah, hatte ich natürlich die alten Bilder im Kopf und war verblüfft über die grundlegenden baulichen Veränderungen, die in der Zwischenzeit auf der Süderooger Warft stattgefunden hatten. Deshalb möchte ich unter diesem Gesichtspunkt noch einmal in die Historie der Hallig eintauchen.

Als Hermann Neuton Paulsen sein Jugendbegegnungswerk (nach drei Jahren auf Hallig Hooge) im Jahr 1927 auf Süderoog begann, stand auf der einzigen Warft der Hallig der von seinen Vorfahren ererbte vierseitige Halligbauernhof. Im nördlichen Flügel richtete er im Erdgeschoss einen Speisesaal und im Dachgeschoss einen Schlafsaal für die Ferienkinder ein. Das folgende Foto von einer alten Postkarte zeigt die Warft und wurde von Osten aufgenommen. Es entstand vor 1929, denn bis zu jenem Jahr  wurde auf Süderoog eine kleine Bockwindmühle betrieben, deren Flügel man mit Mühe rechts neben dem Gebäude erkennen kann. Weiteres interessantes Detail: Die Schöpfvorrichtung in Form eines Ziehbrunnens am Fething. Und auch die Tür im nördlichen Dachgeschoss, durch die das Heu vom Pferdewagen auf den Speicher geschafft wurde, ist zu sehen.

Warft 1929 1024

1930 baute Paulsen ein zusätzliches Haus im Norden der Warft (auf dem freien Platz  rechts auf obigem Foto), um mehr Aufenthalts- und Schlafräume für die Ferienkinder zu schaffen. Später ließ Gunvor Paulsen auf der Ostseite, dort, wo sich zuvor der Waschplatz (die sog. „Waschbrücke“) befand, einen Schutzraum an das neue Haus anfügen. Dieser ruht auf tief gegründeten Stahlbeton-Säulen und bietet bis zum heutigen Tage im Falle extremer Sturmfluten Schutz in neun Meter Höhe über Normalnull. Der Schutzraum im ersten Stock war zugleich der östliche der beiden Schlafsäle im sogenannten „Zwischendeck“. Hier sind bis heute noch Wandschränke der Ferienkinder erhalten. Im Spitzboden („Hohe Luft“) befanden sich dann noch kleinere Schlafräume. Wir nannten sie „Piratennester“.

Der Bau des Schutzraums wurde 1953 von Gunvor Paulsen veranlasst (Hermann Neuton Paulsen war 1951 verstorben). Daher verfügte Süderoog wegen der Jugendbegegnungsstätte schon weit früher als die anderen Halligen, die erst nach der 1962er Sturmflut entsprechend versorgt wurden, über eine sichere Zuflucht bei extremen Sturmfluten. Das folgende, aktuelle Foto zeigt rechts und oberhalb des Strandvogtei-Schildes das Stahlbeton-Gerüst des Schutzbaues. Durch die Ziegelstein-Ausmauerung und die Reetdeckung passte sich der Bau relativ unauffällig in die historische Bebauung ein.

Strandvogtei 1024

Als ich in den Jahren 1963 bis 1965 auf der Hallig meine Sommerferien verleben durfte, bestand die Bebauung auf der Warft aus dem neuen Haus mit Schutzbau sowie dem noch bestens erhaltenen Vierseithof. In dessen Mitte befand sich ein Lichthof. Dort hinein floss von vier Dachflächen das Regenwasser und wurde in der darunter liegenden Trinkwasserzisterne gesammelt. Auf dem folgenden Foto sieht man die damalige Bebauung der Warft (von Südosten aufgenommen): Den Vierseithof links und das neue Haus mit integriertem Schutzbau rechts. Man kann erkennen, dass das neue Haus wegen des angebauten Schutzbaues nicht mit dem alten Hallighof fluchtete, sondern weiter nach Osten ausgreift.

Warft Chris 1024

In der Deele des alten Hauses, nahe beim Ulpiano-Portal, stand eine Truhe, in der viele Fahnen aufbewahrt wurden. Ich liebte es, alle drei Fahnenmasten zu beflaggen, auch wenn ich manchmal ermahnt werden musste, sie abends und bei Sturm auch wieder einzuholen. So kam dieses Foto von mir zustande.

Auf dem nächsten Foto sieht man die Bebauung von Südwesten, über den Fething hinweg. Links steht das kleine „Terra-Haus“. In der Mitte sieht man die westliche Giebelwand des neuen Hauses von 1930. Im Erdgeschoss war ein maritim dekorierter Aufenthaltsraum, darüber sind die Fenster des Schlafraums „Zwischendeck West“ zu sehen und im Spitzboden eins der „Piratennester“. Rechts ist die Nordwestecke des alten Vierseithof zu sehen. Im Dachgeschoss schaut jemand aus dem Fenster des Schlafraumes „Ekke-Nekke-Penn-Ecke“.

Die drei Häuser 1024

Zwischen dem Vierseithof und dem neuen Haus von 1930 gab es eine Durchfahrt mit Kopfsteinpflaster, die „Steinbrücke“. Die Heuwagen konnten hier hindurch fahren, und das Heu wurde direkt ins Dachgeschoss des alten Hallighauses befördert.

So sah die Warftbebauung in den 1960er Jahren aus:

Warftplan 1024

Mit dem kleinen, romantischen „Terra-Haus“ im Fethinggarten hatte es eine besondere Bewandtnis: Es wurde 1928 von der Filmproduktionsfirma „Terra-Film“ aus Berlin gebaut, als der Film „Kampf der Tertia“ nach dem gleichnamigen Jugendbuch gedreht wurde. Buch und Film handeln davon, wie eine Schulklasse die finsteren Pläne habgieriger Katzenfänger vereitelt. Drehorte waren Friedrichstadt, Süderoog und Süderoogsand. Wie das folgende Standbild zeigt, war auf der Sandbank damals ein Wrack freigespült, das als eindrucksvolle Kulisse diente. Im Hintergrund die Bake mit dem Rettungsraum für Schiffbrüchige, damals noch ohne das Leuchtfeuer. Dieses wurde erst 1940 installiert.

Tertia 1024

Der folgende Grundriss zeigt die ungefähre Aufteilung der Wohngebäude in den 1960er Jahren.

Grundriss Räume 600

Der Betrieb der Jugenderholungsstätte musste leider aus wirtschaftlichen Gründen 1966 eingestellt werden. Gunvor Paulsen konnte zwar 1953 noch den Schutzraum errichten, jedoch gelang es ihr – wie auch schon Hermann Paulsen – nicht, zu erreichen, dass eine Wasserleitung nach Süderoog gelegt wurde. Auch konnten die Mittel nicht aufgebracht werden für eine Lösung der Abwasserfrage und einen insgesamt wirtschaftlichen Betrieb der Jugendbegegnungsstätte.

1971 wurde die Hallig an das Land Schleswig-Holstein verkauft. Das Landesbauamt hat sich dann überlegt, wie der Gebäudebestand kostengünstig erhalten werden kann. Er musste ja jetzt nur noch den Küstenschutzarbeiten und der Landwirtschaft dienen. Der Nord- und der Ostflügel des alten Vierseithofes, also die Teile, die der Unterbringung der Ferienkinder gedient hatten, wurden abgerissen, und damit auch die geliebte „Ekke-Nekke-Penn-Ecke“. Nur ein Winkel aus Süd- und Westflügel wurde erhalten und saniert.

Die folgende Luftaufnahme (von Westen aufgenommen) zeigt den Gebäudebestand der 1970er Jahre.

Luftbild West 1024

Mittlerweile sind die erhalten gebliebenen Süd- und Westflügel des alten Vierseithofes und das neue Haus  mit dem Fluchtraum  mittels eines  Zwischenbaus zu  jenem U-förmigen Gebäudekomplex zusammengefügt, den man heutzutage sieht. Er schützt den Innenhof optimal vor den rauen Westwinden. Auf dem folgenden Plan kann man die Veränderungen der Bebauung vom ursprünglichen Vierseithof bis zum heutigen U-förmigen Gebäude nachvollziehen.

Grundriss Wandel 1024

 

                     

Ausblick

Viele fragen sich, was aus den Halligen angesichts des Klimawandels und des prognostizierten Meeresspiegel-Anstiegs werden wird. Eine interessante Jugend-forscht-Arbeit gibt hierüber Auskunft: http://bildungsserver.hamburg.de/contentblob/3113460/data/2010-landunter-auf-den-halligen.pdf   Verblüffend: Weil bei jedem Landunter etwas Sand und Schlick aufgelagert wird, konnten die Halligen bisher mit dem Meeresspiegel-Anstieg Schritt halten (im Gegensatz zum eingedeichten Land der Inseln). Manche Forscher nehmen sogar an, dass einige Halligen nicht Überreste früheren  Kulturlandes sind, sondern nach verheerenden Fluten erst durch solche Auflandungen im Watt entstanden sind. Gegenwärtig kann beobachtet werden, wie sich der ehemals nackte und flache Norderoogsand stellenweise bis zu dreieinhalb Meter erhebt und sogar begrünt, wodurch er noch mehr auflandenden Sand und Schlick festhalten kann. Andere Halligen wie Jordsand oder Behnshallig waren wieder untergegangen. Wie sehr das Wattenmeer ständig in Bewegung ist, sieht man im Kleinen auch daran, dass man Süderoog durch das Watt zu meiner Zeit noch auf  direktem Weg zur Südostspitze erreichte. Heute zwingt ein neu entstandener Priel dazu, einen südlichen Bogen zu laufen und die Hallig erst beim Anleger zu betreten. Was mit den Küsten auf die Dauer geschehen mag, sollten das Grönlandeis und die Polarkappen völlig dahinschmelzen, daran mag man nicht gerne denken.

Panta rhei. Alles ist in Bewegung. Das der Völkerverständigung dienende Jugendbegegnungswerk von Hermann Neuton und Gunvor Paulsen ist fast schon in Vergessenheit geraten, von der Zeit überschwemmt sozusagen. Sicher ist aber, dass immer wieder Menschen wie sie friedliche Impulse setzen in einer Welt, die allzu leicht in Feindschaft und Brutalität entgleist. Für uns ist es heute selbstverständlich, in einem friedlichen Europa zu leben, in ferne Länder zu reisen und uns mit deren Bewohnern anzufreunden. Menschen wie die Paulsens haben dafür den Grund gelegt.

Das Wattenmeer und die Halligen zu besuchen, ist ein wunderbares und sehr entspannendes Naturerlebnis. Tipp: Von der „Hooger Fähre“ auf Pellworm bietet die Familie Hellmann Bootstouren zum Norderoogsand an (siehe Veranstaltungskalender Pellworm). Ihre Vorfahren waren einst die Besitzer der Hallig Norderoog. Bis die Gebrüder Hellmann in Rente gehen, haben sie noch die Erlaubnis, die Sandbank anzusteuern und mit ihren Gästen dort auch auszusteigen – ein einmaliges Erlebnis. Man kann nicht reservieren, und wenn das Boot voll ist, geht es los. Daher heißt es bei gutem Wetter, früh zur Stelle zu sein.

Wenn ihr dorthin kommt, grüßt mir die Seehunde!  Sie werden immer eine Sandbank finden, wo sie sich aalen können, komme was wolle.

Grüße an alle Süderoog-Fans von Chris

Seehunde 1024